(die ersten Gedanken zur Wächterin)

… und über einen neuen Roman nachdenkt, dann bleibt das meist nicht ohne Folgen.

Hier findet Ihr einen kleinen Vorgeschmack, mit wem ich es gerade zu tun habe. Macht Euch das neugierig? Der Roman existiert bereits komplett in meinem Kopf… ich muss nur genug Zeit finden ihn niederzuschreiben.

Ich freue mich auf Eure Rückmeldungen unter leebauers@leebauers.com. Mal schauen, was da so alles auf mich zukommt …

Eure Lee

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Der schnelle Erfolg ihrer Idee überrollte sie förmlich, dennoch blieb sie gefasst. Vielleicht war es einfach richtig, dass die viele Arbeit, das hohe Risiko welches sie eingegangen war, sich endlich rentierte. Das Wissen, das es einmal anders gewesen war und jederzeit wieder anders sein konnte, erdete sie, erinnerte sie daran, dass sie niemals abheben durfte, das war wichtig.

Livia holte tief Luft. Sie liebte ihr Leben. Ihre Arbeit versprach Anerkennung, Kollegen und Kunden spiegelten ihr Wertschätzung. Selbst ihre Tochter war gelungen – allein erzogen. Vielleicht gerade deswegen?

Sie parkte ihren Wagen gegenüber dem Restaurant, in dem sie sich zu einem Gespräch mit einem Bewerber für die Führungsrolle in ihrem neuen Team verabredet hatte. Sie hatte ihm ganz bewusst die Wahl des Ortes überlassen, brauchte sie doch keine Emanzipationsriten, um ihre Rolle irgendjemanden bewusst zu machen.

Sie betrat das Restaurant und stand hinter ihm, erkannte ihn sofort, ohne ihn je zuvor gesehen zu haben. Sein Lächeln war entwaffnend. Sie setzten sich, er begann von sich zu erzählen. Es dauerte einen Moment, bis Livia merkte, dass hier etwas anders lief als sonst. Sie hing an seinen Lippen, konnte nicht genug bekommen von dem, was er sagte.

„Ich gehe davon aus, dass Sie die Projektunterlagen bereits gelesen haben?“

Er stutzte. „Ich muss gestehen, ich bin noch nicht dazugekommen.“

„Na, wie gut, dass wir uns hier nicht in einem Vorstellungsgespräch befinden“, bemerkte sie zynisch.

Sein Blick traf sie. Was hatte sie getan? „Schauen Sie mich nicht so an, das war ein Scherz.“ Sie zwang sich ein entwaffnendes Lachen ab, er nickte.

Ihre Gedanken wirbelten durcheinander. Er sah phantastisch aus, kein Zweifel, aber das interessierte sie kaum. Er gab sich ehrlich, verletzlich, zeigte aber keine Schwäche. Es war seine Aura, die ihr den Atem raubte. So etwas Reines war ihr lange nicht begegnet. Instinktiv wollte sie ihn beschützen und sich gleichzeitig von ihm halten lassen.

Sie horchte auf. „… muss ich zugeben, dass es mich verunsichert, wenn die Bewerbungsunterlagen oft noch nicht einmal beantwortet werden. Dann zweifele ich manchmal an meinen Fähigkeiten.“

„Nein!“, entfuhr es ihr, ihr Körper spannte sich an. Sah die Welt denn nicht, was für ein kostbarer Mensch er war?

„Niemand ist frei von Unsicherheiten, jeder trägt sie in sich, selbst ich, wenn auch nicht gerade im Beruflichen, da macht man mir so schnell nichts vor.“

Was hatte sie gerade gesagt? Hatte sie einem fremden Mann die einzige Waffe in die Hände gespielt, die ihr gefährlich werden konnte? Livia wappnete sich. Wusste er von seiner Wirkung? Spielte er mit ihr? Anders waren die irrationalen Gefühle, die er in ihr auslöste, fast nicht zu erklären.

Ihre inneren Schutzwälle waren eigentlich gut konditioniert, hielten jedem stand. Hinter ihnen verborgen konnte ihr Herz jubeln, ihre Seele tanzen, hüpfen, lachen, sie mit vollen Zügen das Leben genießen. Nie in Gefahr. Sie nicht, nie! Und jetzt gab sie sich preis? Machte sich schwach?

Er schwieg und sah ihr einige Sekunden in die Augen. „Den Eindruck machen Sie nicht auf mich.“

Livia sah auf ihre Hände, sie spürte, wie sie sich ihm entgegenbeugte. Auch er schien sich ihr beim Sprechen immer mehr zu nähern. Gott, wie sollte sie hier je wieder heile herauskommen?

„Das erzähle ich auch nicht jedem.“ Die analytische Seite ihres Gehirns sprang an. Er war ein Balance Typ, hatte sich noch nicht aus einer alten Liebe befreit. Er ahnte nicht, welches Charisma ihn umgab, wie wertvoll rein er sich gehalten hatte, indem er nach eigenen Regeln spielte.

Dennoch umgab ihn ein hoher Grad an Disziplin. Ohne, dass sie es verhindern konnte, begann Livia, die Kompatibilität seiner und ihrer Muster abzuklopfen. Sie war die Dominante, die Starke, aber in Verbindung mit ihm verwandelten sich genau diese Eigenschaften in Anlehnungsbedürfnis, in den Wunsch, Verantwortung abzugeben. An ihn. Er war wahrhaftig dabei, sie zu entwaffnen!

Livia sah auf ihre Tasse Kaffee hinunter, was geschah hier? Sie sah wieder hoch und nicht seine Augen, sondern in die Tiefe dahinter, hörte seine Stimme kaum, nahm nur seine warmen, sie sanft umspülenden Energiewellen wahr. Sie blickte ihm ins Gesicht und sah das helle Leuchten seiner Seele.

Kurz darauf waren sie beim Du, der Nachmittag endete in einer innigen, wenngleich freundschaftlichen Umarmung.

Viel zu spät kam sie ins Büro, hatte sich trotz der nüchternen Stimme ihres Navigationsgerätes zweimal verfahren. Etwas war anders. Sie wusste es, die schützenden Barrieren, die sie so fürsorglich aufgebaut und gepflegt hatte, waren rissig geworden. Stimmen schlichen sich in ihren Kopf, flüsterten giftige Skepsis: Du bist zu alt, du bist nicht schön genug. Energisch wischte sie sie fort. Sie war eine Frau im besten Alter, erfolgreich und nicht unattraktiv.

Was waren das für Gedanken? Und diese Bewegungen in ihrem Bauch? Fühlten sich so Schmetterlinge an? Sie verdrehte die Augen. Sie hatte oft gegen andere gewonnen und immer gegen sich selbst. Hier aber wartete ein Gegner, der nach anderen Regeln spielte. Wenn sie ihn haben wollte, dann lag ein Weg vor ihr, der völlig neu für sie war. Sie konnte nur abwarten, ob er auf sie zukam oder an ihr vorüberging.

Als sie auf die Haustür zuging und sich noch einmal umdrehte, um den Wagen mit der Fernbedienung zu verschließen, wusste sie, dass das neue Projekt Himmel oder Hölle werden konnte, sie hatte sich verliebt in das weiße warme Licht, das ihn umgab. Dort hinein, wo seine Kraft lag, wollte sie sich nun verkriechen.

Sie versuchte sich sein Gesicht ins Gedächtnis zu rufen, es gelang ihr nicht.

Er hatte sie geblendet.